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Barrierefrei Informieren und Kommunizieren (BIK) testete die Internetangebote von 14 großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazinen. Die Ergebnisse sind enttäuschend. Nur wenige Angebote kümmern sich um Barrierefreiheit.
Wer sich eingehend mit aktuellen Fragen von Politik und Wirtschaft befassen möchte, braucht Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine. Wer sie nicht nutzen kann, ist von einem wichtigen Bereich des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen.
Das betrifft blinde Menschen, die mit normalem Druckwerk nichts anfangen können. Es betrifft ältere Menschen, die auf große Schrift angewiesen sind. Auch der Urlauber oder der Geschäftsreisende kann betroffen sein. Am Kiosk ist die Auswahl klein, die Post braucht Zeit, so kann der Kontakt zur Heimat leicht abreißen.
Eine Alternative ist der Webauftritt. Er ist von überall zugänglich und kann leicht in eine andere Form gebracht werden. Man kann sich Texte auf seinen PDA holen oder mit spezieller Software vorlesen lassen. Man kann die Schriften vergrößert darstellen oder ungeeignete Farben auswechseln. Alles kann entsprechend den besonderen Anforderungen des Besuchers individuell aufbereitet werden.
So kann der Webauftritt die Angebote von Tageszeitungen und Nachrichtenmedien einem größeren Kreis von Nutzern zugänglich machen. Er schafft Zugang für alle - wenn er nur selbst zugänglich ist.
Wird diese Chance genutzt? Darum ging es im Zeitungentest. Geprüft haben wir sieben überregionale Tageszeitungen, zwei Wirtschaftszeitungen, drei Magazine und zwei Zeitungen aus den deutschsprachigen Nachbarländern.
Basis des eingesetzten Testverfahrens ist die BITV, eine für Webauftritte des Bundes verbindliche Verordnung zur barrierefreien Informationstechnik. Aus Sicht dieser Verordnung ist keiner der geprüften Webauftritte befriedigend. Aber die Anforderungen der BITV sind teilweise recht hoch und sie gelten vorerst auch nur für Webauftritte des Bundes. Und man muss sagen: die Unterschiede sind groß.
Klarer Testsieger ist der Webauftritt des Stern. Mit 84,5 von 100 erreichbaren Punkten hat er nur knapp ein befriedigendes Gesamtergebnis verfehlt, der Abstand zum Zweitplatzierten ist deutlich. Dem Webauftritt des Stern liegt ein modernes, standardorientiertes Design zugrunde. Inhalt und Layout sind durchgängig voneinander geschieden, die Gestaltung lässt sich so leicht ändern und an individuelle Bedürfnisse anpassen. Das kommt auch behinderten Besuchern zugute. Auch beim Stern gibt es noch Mängel. Aber eine gute Grundlage ist gelegt.
Der Webauftritt der Frankfurter Rundschau folgt mit 79,5 Punkten auf dem zweiten Platz. Blinde Besucher können FR Online gut nutzen. Grafische Bedienelemente und andere informative Grafiken sind mit Alternativtexten versehen, die Seiten können gut mit der Tastatur bedient werden. Kontraste sind in Ordnung, Grafiken können vor wechselnden Hintergründen wahrgenommen werden. Auch auf den Einsatz von für Sehbehinderte problematischen Schriftgrafiken wird verzichtet.
Auf dem dritten Platz folgt dann mit 79 Punkten der Vertreter der Schweiz, die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Nur knapp hinter der Rundschau, deutlich vor den folgenden. Barrierefreiheit ist für die NZZ ein Thema. Über eine Untersuchung der Zugänglichkeit von Schweizer Webauftritten berichtet sie ausführlich, mit dem Schweizerischen Blindenverband wird zusammengearbeitet. Und ein Blick auf die Seiten zeigt, dass schon einiges getan worden ist. Alternativtexte sind vorhanden, die Seiten können gut mit der Tastatur bedient werden. Kontraste sind in Ordnung, Grafiken kann man vor wechselnden Hintergründen wahrnehmen.
Die drei ausgezeichneten Angebote sind nicht frei von Mängeln. Gut abgeschnitten haben sie aber im Vergleich mit den Zeitungen und Magazinen im unteren Bereich der Ergebnisliste. Da finden sich Webangebote, die nicht nur aus Sicht der anspruchsvollen BITV erhebliche Mängel aufweisen. Behinderte Besucher stoßen auf nicht zu überwindende Hindernisse.
Barrierefreiheit gibt es nicht umsonst. Ganz besonders, wenn sie nicht von Anfang an bedacht worden ist. Oft ist das eingesetzte Redaktionssystem nicht geeignet, umfangreiche Datenbestände müssen überarbeitet werden, Mitarbeiter wissen noch nicht genug über Barrierefreiheit. Der Weg von der Entscheidung für bessere Zugänglichkeit zu einem Webauftritt, den alle nutzen können, ist dann lang und teuer.
Daher wollten wir wissen, welchen Stellenwert das Ziel Barrierefreiheit hat und wie die Aussichten in Sachen Zugänglichkeit für Alle sind. Wie schätzen die Verantwortlichen den Stand der Zugänglichkeit ihrer Seiten ein? Wissen sie, was getan werden muss, um die Seiten für alle zugänglich zu machen? Sind konkrete Schritte geplant? Parallel zum Test der Internetangebote haben wir die Verantwortlichen befragt.
Die drei Bestplatzierten planen kleinere Verbesserungen. Für den Spiegel war der Zeitpunkt des Tests unglücklich, eine grundlegende Überarbeitung ist auf dem Weg. Auch beim Focus sollen Anforderungen der Barrierefreiheit im Rahmen einer grundlegenden Überarbeitung erfüllt werden. Das ist positiv.
Drei Zeitungen machen keine Angaben. Neben Welt und FTD leider auch die Süddeutsche Zeitung. Das ist bedauerlich. Schade auch, dass die nicht gut zugängliche FAZ andere Prioritäten setzt. Denn kleinere Änderungen werden bei diesem Webauftritt nicht ausreichen.
Insgesamt kann man mit dem Stand der Zugänglichkeit der großen Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine sicher nicht zufrieden sein. Das Internet könnte ein Weg sein für die bessere Teilhabe aller am öffentlichen Leben. Die meisten Zeitungen und Magazine nutzen es dafür noch nicht.
Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen sind Onlineangebote eine wichtige Alternative zu den gedruckten Ausgaben. BIK wird die weitere Entwicklung zu mehr Zugänglichkeit beobachten und über den Stand der Barrierefreiheit informieren.
"Stadt Harsewinkel kann barrierefreie Webseite vorweisen"
meldete presse-service.de am ersten April dieses Jahres. In
seinem Grußwort freut sich der Bürgermeister, dass jetzt auch
Blinde und Sehbehinderte die Seiten von www.harsewinkel.de
nutzen können.
Solche Meldungen häufen sich in letzter Zeit. Das ist gut, denn es zeigt, dass die Botschaft angekommen ist: Webangebote müssen für alle zugänglich sein, sie dürfen sich nicht an den Anforderungen eines vermeintlichen "Normalbesuchers" orientieren.
Aber oft geht der Schuss dann eher nach hinten los. Nutzer melden sich zu Wort, weisen darauf hin, dass wieder nur an die Blinden gedacht worden ist. Andere kritisieren, dass Anforderungen nur formal erfüllt, nicht wirklich verstanden worden sind.
Was kann man da machen? Muss man abwarten, bis sich die Experten einig geworden sind? Das ist sicher nicht der richtige Weg. Nützlich wäre ein einfaches, aussagekräftiges Verfahren für die sichere Einschätzung der Barrierefreiheit von Webseiten.
Schon seit 1996 steht ein automatischer Test zur Prüfung von Webseiten zur Verfügung. Es heißt Bobby, wie der englische Polizist, steht im Web zur Verfügung. Jeder kann seine Webseiten kostenlos von Bobby auf Barrierefreiheit prüfen lassen.
Aber Bobby ist leider nicht die Lösung. Denn er ist zwar schnell, aber wenn es drauf ankommt, stößt er auch schnell an seine Grenzen. Zum Beispiel bei der Forderung, Bildern für Besucher, die nichts sehen können einen aussagekräftigen Alternativtext zuzuordnen. Ein automatisches Programm kann zwar prüfen, ob es so einen Text gibt. Aber nicht die eigentlich entscheidende Frage, ob er brauchbar ist.
Also lieber die betroffenen Benutzer fragen, ob sie mit den Seiten zurecht kommen? Das bringt sicher viel mehr. Die Benutzer sind Experten in eigener Sache, sie wissen am besten, was für sie zugänglich ist.
Aber auch eine solche Prüfung hat Schranken. Denn es gibt ja eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Anforderungen an die Zugänglichkeit. Und eine Seite, die blinde Besucher gut nutzen können, ist vielleicht für sehschwache Besucher, die den Bildschirminhalt vergrößert darstellen müssen, vollkommen unbrauchbar. Man müsste Benutzer mit den verschiedenartigsten Anforderungen prüfen lassen: blinde oder sehbehinderte Besucher, Anfänger oder Profis, mit veralteten Geräten ausgestattete Besucher. Das kann Mängel aufdecken, ist aber sehr aufwendig.
Der BITV-Test von BIK verbindet die Stärken von automatischen Tests und Praxistests. Wie beim automatischen Test liegt ein detailliertes Regelwerk zugrunde. Für jeden einzelnen Prüfschritt ist genau festgelegt, was er fordert und wie seine Einhaltung festgestellt werden kann.
Dieses Regelwerk führt aber nicht selbst das Prüfergebnis herbei. Im Kern basiert das Prüfergebnis vielmehr auf dem Urteil eines Prüfers, der weiß, worauf es bei der Barrierefreiheit ankommt. Der Prüfer verwendet Testprogramme, die ihm zum Beispiel zeigen, wie ein farbenblinder Besucher die Seite sehen würde. Aber die letzte Entscheidung liegt bei ihm.
So kombiniert der BITV-Test technische Prüfprogramme mit inhaltlicher Analyse der BIK-Prüfer. Das Testverfahren verläuft in 52 Prüfschritten. Ein Teil der Prüfschritte konzentriert sich auf den gesamten Internetauftritt, etwa die einheitliche Navigation. Weitere Schritte beziehen sich auf bestimmte Elemente einer Seite.
Die einzelnen Prüfschritte sind unterschiedlich gewichtet. Entsprechend ihrem Gewicht tragen sie eine bestimmte Punktzahl zum Gesamtergebnis bei. Insgesamt können einhundert Punkte erreicht werden. Das Prüfverfahren sowie die Bewertung vergleichender Testreihen sind offengelegt. Der Internetauftritt des BIK informiert über die Situation der barrierefreien Kommunikation in Deutschland. Auf diese Weise hat jeder Einsicht, was gefordert wird und wie man die Anforderungen erfüllen kann.
Derzeit befinden sich 14 Internetauftritte großer Tageszeitungen und Magazine im BITV-Test. Gerade für sehbehinderte Menschen sind diese Onlineangebote eine wichtige Alternative zu den gedruckten Ausgaben. Aber nur, wenn sie auch barrierefrei gestaltet und für alle zugänglich sind. Eine Liste der ausgewählten Medien und weitere Informationen sind unter www.bik-online.info zu finden. Dort werden auch die Ergebnisse veröffentlicht.
Das Internet ist aus unseren Leben kaum noch wegzudenken. Wir suchen, buchen, ersteigern und finden. Ein paar Klicks und die gewünschte Information erscheint auf unseren Bildschirmen. Manchmal sind es ein paar mehr und plötzlich kämpfen wir uns durch einen Dschungel von Informationen. In zehn Jahren wird dieser Dschungel einigen von uns zur Qual werden, denn das Alter macht sich bemerkbar. Die Sehkraft lässt nach und die Feinmotorik schwindet. Kleine Schriftgrößen, schlechte Farbkontraste und irritierende Pfade erschweren schon heute knapp sieben Millionen Menschen mit Behinderung (vgl. statistisches Bundesamt)den Informationszugang. Menschen mit alterungsbedingten Schwächen erleben ganz ähnliche Probleme.
Dieser Situation will BIK entgegenwirken. Regelmäßig werden wichtige Webangebote ausgewählt und mit dem vergleichenden BITV-Test auf Barrierefreiheit überprüft. Der Test basiert auf der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung (BITV). Vor zwei Jahren verabschiedete die Bundesregierung das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). Damit soll die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben sicher gestellt. Die praktische Umsetzung regelt eine besondere Rechtsverordnung, die BITV. Demnach sind alle Behörden der Bundesverwaltung verpflichtet, ihr Internetangebot und ihre grafischen Programmoberflächen barrierefrei zu gestalten.
Für private Anbieter ist diese Verordnung nicht zwingend. Dennoch regt die Bundesregierung eine barrierefreie Gestaltung von gewerblichen Internetauftritten an. Damit möchte sie möglichst viele Barrieren beseitigen, die Menschen mit Behinderungen an die gesellschaftliche Fürsorge binden.
BIK bemüht sich um die Einhaltung und Umsetzung der Gleichstellungsgesetze des Bundes. Im vergangenen Jahr prüfte BIK gemeinsam mit der Stiftung Warentest 14 verschiedene Weiterbildungsdatenbanken im Internet. Im Rahmen des diesjährigen Deutschen Multimedia Award wird ein Preis für Barrierefreiheit verliehen. Die Prüfung der Kandidaten wird in Kooperation mit BIK und mit Hilfe des BITV-Tests durchgeführt.
Derzeit befinden sich 14 Internetauftritte großer Tageszeitungen und Magazine im BITV-Test. Gerade für sehbehinderte Menschen sind diese Onlineangebote eine wichtige Alternative zu den gedruckten Ausgaben. Aber nur, wenn sie auch barrierefrei gestaltet und für alle zugänglich sind. BIK möchte mit dieser Testreihe den aktuellen Stand der Zugänglichkeit klären, darüber hinaus aber auch die weitere Entwicklung zu mehr Barrierefreiheit verfolgen. Eine Liste der ausgewählten Medien und weitere Informationen sind unter www.bik-online.info zu finden. Dort werden auch die Ergebnisse veröffentlicht.
Letzte Änderung: 06.09.2004 | © 2004-2007 DIAS GmbH | Impressum | Barrierefrei