Oft hört man, dass barrierefreie Webseiten eigentlich ganz leicht herzustellen sind und auch keine zusätzlichen Kosten verursachen. Das mag auch so sein, wenn der Webauftritt ganz neu erstellt werden soll und alle Beteiligten über die erforderlichen Kenntnisse verfügen.
Die Realität sieht aber anders aus. Das eingesetzte Redaktionssystem ist nicht geeignet, umfangreiche Datenbestände müssen überarbeitet werden, Mitarbeiter wissen noch nicht genug über Barrierefreiheit. Der Weg von der Entscheidung für bessere Zugänglichkeit zu einem Webauftritt, den alle nutzen können, kann lang und teuer sein.
Daher wollten wir wissen, welchen Stellenwert das Ziel Barrierefreiheit hat und wie die Aussichten in Sachen Zugänglichkeit für alle sind. Wie schätzen die Verantwortlichen den Stand der Zugänglichkeit ihrer Seiten ein? Wissen sie, was getan werden muss, um die Seiten für alle zugänglich zu machen? Sind konkrete Schritte geplant? Parallel zum Test der Internetangebote sind wir dem in einer Befragung der Verantwortlichen nachgegangen.
Von den 14 Testkandidaten haben neun auf unsere Fragen geantwortet, darunter die drei Magazine und die nach BILD auflagenstärksten Tageszeitungen.
Die taz war noch von den Nachwehen ihres 25-Jahr-Jubiläums beeinträchtigt und konnte den Fragebogen nicht ausfüllen. Ansonsten entspricht der Rücklauf - vielleicht nicht verwunderlich - auch dem Testergebnis: Kandidaten, die nicht gut zugänglich sind, haben auch auf unsere Fragen nicht geantwortet.
Zum Aufwärmen und um deutlich zu machen, worum es uns geht, haben wir erst mal gefragt, ob Personen, die mit der gedruckten Ausgabe der Zeitung Probleme haben, eigentlich zur Zielgruppe des Webangebotes gehören. Richtet sich das Onlineangebot auch an Kunden, die mit der gedruckten Ausgabe Probleme haben? Die folgenden Antwortalternativen haben wir angeboten:
Wobei natürlich klar ist: die gewünschte Antwort ist die zuletzt angebotene, alle anderen Antworten sind eigentlich nicht akzeptabel. Und immerhin 5 der 9 Befragten haben diesem Statement zugestimmt. Für Leute, die mit der gedruckten Ausgabe Probleme haben, sollte das Onlineangebot eine nutzbare Alternative sein.
| Medium | Antwort |
|---|---|
| stern.de | Ja, das Onlineangebot soll zugänglich sein |
| FR ONLINE | Ja, das Onlineangebot soll zugänglich sein |
| NZZ Online | Ja, das Onlineangebot soll zugänglich sein |
| Sueddeutsche.de | keine Angabe |
| FTD Online | Nein, denn das Onlineangebot entspricht nicht der Printausgabe |
| DIE WELT.DE | Nein, diese Kunden sind für uns nicht relevant |
| Focus Online | Nein, andere Alternativangebote vorhanden |
| SPIEGEL ONLINE | Ja, das Onlineangebot soll zugänglich sein |
| FAZ.NET | Ja, das Onlineangebot soll zugänglich sein |
Was ist mit den vier anderen Zeitungen?
Die Süddeutsche hat die Frage überhaupt nicht beantwortet, was sicher okay ist, denn Fragen, die zu einer Antwort zwingen wollen, muss man nicht beantworten.
In dieselbe Richtung geht FTD Online. Sie wählt die (nicht zutreffende) Antwort 2: das Onlineangebot entspricht nicht der Printausgabe, also muss es nicht zugänglich sein. Auch der Webauftritt des Focus muss nicht zugänglich sein. Denn es gibt andere Angebote.
Gut, wir haben diese Antwortalternativen mit angeboten. Aber machen sie eigentlich irgend- einen Sinn? Auch FTD Online hat da Zweifel und weist im Kommentar darauf hin, dass die Frage nicht eindeutig zu beantworten ist.
Einzig die WELT bezieht klar Stellung gegen unser fishing for Zustimmung: Kunden, die mit der Printausgabe Probleme haben, sind für sie nicht relevant.
Zunächst mal haben wir gefragt, welchen Stellenwert Barrierefreiheit für die Verantwortlichen hat. Die folgenden Antwortalternativen haben wir angeboten:
Warum soll man einen Fragebogen zur Barrierefreiheit ausfüllen, wenn man das Thema nicht interessant findet? Von denen, die mitgemacht haben, hat konsequenterweise keiner eine der ersten beiden Antwortalternativen angekreuzt. So wurde geantwortet:
| Medium | Antwort |
|---|---|
| stern.de | Anforderungen weitgehend erfüllt |
| FR ONLINE | Anforderungen weitgehend erfüllt |
| NZZ Online | Handlungsbedarf |
| Sueddeutsche.de | andere Prioritäten |
| FTD Online | Handlungsbedarf |
| DIE WELT.DE | Anforderungen weitgehend erfüllt |
| Focus Online | Handlungsbedarf |
| SPIEGEL ONLINE | Handlungsbedarf |
| FAZ.NET | andere Prioritäten |
Der Stern und die Frankfurter Rundschau sehen die Anforderungen der Barrierefreiheit weitgehend erfüllt. Aus Sicht der BITV kann man das sicher nicht so stehen lassen, da ist schon noch einiges zu verbessern. In unserem Test haben die Webangebote von Stern und Rundschau aber tatsächlich vergleichsweise gut abgeschnitten.
Auch die Welt meint, dass Anforderungen der Barrierefreiheit erfüllt sind. Das verwundert doch, denn der Webauftritt weist erhebliche Barrieren auf. Aber wir erinnern uns an die vorherige Antwort: "Diese Kunden sind für uns nicht relevant."
Spiegel, Focus, NZZ und FTD sehen Handlungsbedarf. Und das wohl auch nicht nur so dahingesagt, wie wir weiter unten sehen werden. Für den Spiegel war der Zeitpunkt des Tests unglücklich, eine Neuauflage des Webauftritts ist in Arbeit. Auch der Focus kündigt eine grundlegende Überarbeitung an, und die vergleichsweise gut bewertete NZZ nennt einen Termin für kleinere Verbesserungen.
Und dann noch zwei unerfreuliche Antworten: Die beiden größten Tageszeitungen, Süddeutsche und FAZ, haben andere Prioritäten gesetzt. Die Verbesserung der Zugänglichkeit wäre erforderlich und wünschenswert, aber es gibt keine Mittel dafür.
Wissen die Befragten eigentlich, wie es um ihre Zugänglichkeit steht? Können sie sagen, ob ein Besucher, der Probleme mit der Maus hat oder mit Bildern nichts anfangen kann, ihr Webangebot nutzen kann?
Hier die Fragen, die wir dazu gestellt haben:
Die Befragten sollten ankreuzen, was für sie zutrifft, und dann wollten wir mal sehen, wie Selbstbild und Realität zusammen passen.
Die Frankfurter Rundschau hat angekreuzt, dass alle Anforderungen erfüllt sind und diese Selbsteinschätzung stimmt auch weitgehend mit unseren Testergebnissen überein. Strukturelemente werden überwiegend nicht genutzt, ansonsten schneidet die FR Online in den aufgelisteten Anforderungen gut ab.
Die FAZ weiß, dass man ihren Webauftritt ohne Maus oder ohne Javascript nicht vernünftig nutzen kann, in Hinblick auf Bilder und Farben ist ihre Selbsteinschätzung dagegen zu positiv.
Der Stern ist nach eigener Einschätzung vollkommen unzugänglich. Die Inhalte können zeilenweise dargestellt werden, alle anderen Anforderungen sind nicht erfüllt.
Und da liegt auch der Haken bei diesem Abschnitt des Fragebogens: Wenn etwas nicht angekreuzt ist, kann man nicht unterscheiden, ob der Befragte nun einfach nicht gewusst hat, was Sache ist oder ob er die betreffende Anforderung tatsächlich als nicht erfüllt einschätzt. Die Antwort "weiß nicht" fehlt.
Zum Schluss wollten wir noch wissen, wo kleinere oder grundlegende Änderungen geplant sind und wann mit Besserung zu rechnen ist. Die folgende Tabelle zeigt die Antworten:
| Medium | Was ist geplant? | Wann? |
|---|---|---|
| stern.de | kleine Änderungen geplant / in Arbeit | keine Angaben |
| FR ONLINE | kleine Änderungen geplant / in Arbeit | noch offen |
| NZZ Online | kleine Änderungen geplant / in Arbeit | 3. Quartal 2004 |
| Sueddeutsche.de | keine Angaben | keine Angaben |
| FTD Online | keine Angaben | keine Angaben |
| DIE WELT.DE | keine Angaben | keine Angaben |
| Focus Online | grundlegende Überarbeitung, Anforderungen sollen erfüllt werden | noch offen |
| SPIEGEL ONLINE | grundlegende Überarbeitung, Anforderungen sollen erfüllt werden | 2005 |
| FAZ.NET | kleine Änderungen geplant / in Arbeit | 2005 |
Die drei Bestplatzierten planen kleinere Änderungen, Spiegel und Focus wollen die Anforderungen der Barrierefreiheit im Rahmen einer grundlegenden Überarbeitung erfüllen. Das ist sicher positiv.
Drei Zeitungen machen keine Angaben. Neben WELT und FTD leider auch die Süddeutsche Zeitung. Das ist sicher bedauerlich.
Schade auch, dass die nicht gut zugängliche FAZ offenbar tatsächlich andere Prioritäten gesetzt hat. Denn kleinere Änderungen werden bei diesem Webauftritt sicher nicht ausreichen. Sollte man da nicht umdenken? Um mal mit Herrn Schirrmacher, dem Herausgeber der FAZ, zu sprechen:
Wir stehen vor einem Krieg! ... Die Kampfzone ist unser Alltag! Am Horizont der Zukunft baut sich eine der erbittertsten Streitmächte gegen die Alten auf, die es je gegeben hat...
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,291950,00.html
![]()
Am Horizont der Zukunft? Der Feind steht längst im eigenen Haus! Reden Sie doch mal mit den jungen Leuten Ihrer Online-Abteilung. Sonst können Sie bald Ihre eigene Zeitung nicht mehr lesen!
Letzte Änderung: 02.09.2004 | © 2004-2007 DIAS GmbH | Impressum | Barrierefrei