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Fahrner Image Replacement

Zwei der Webauftritte, die beim Sonderpreis Barrierefreiheit des DMMA 2004 in die engere Wahl gekommen sind, verwenden eine als Fahrner Image Replacement (FIR) bekannte Technik, um Texte für Nutzer der grafischen Oberfläche durch Schriftgrafiken zu ersetzen. Bei Mehrkanal basiert die gesamte Navigation auf dieser Technik, Einfach für Alle setzt sie für ein auch recht wichtiges Überschriftelement ein.

Die Idee

Die Grundidee von FIR ist, dass textorientierte und visuell orientierte Besucher automatisch mit zwei unterschiedlichen Versionen versorgt werden. Textorientierten Besuchern zeigt sich die Seite im Original, also so, wie sie eigentlich im Quelltext strukturiert ist. Für visuell orientierte Besucher wird die Seite nachträglich aufbereitet, Texte für Überschriften oder Navigationselemente werden durch Schriftgrafiken ersetzt. Technisch funktioniert das so, dass die Schriften als Hintergrundgrafiken über das Stylesheet eingefügt werden, die entsprechende Texte werden dort als "nicht sichtbar" definiert. Das Stylesheet ersetzt also die Texte durch entsprechende Grafiken.

Auf den ersten Blick eine gute und plausible Idee. Das Stylesheet ist für die Form da, es sorgt dafür, dass Texte durch Grafiken ersetzt werden und für den sehenden Besucher alles ein bisschen schöner aussieht. Für den blinden Besucher ist die visuelle Aufbereitung egal, er braucht das Stylesheet nicht und die Aufbereitung kann unterbleiben.

Technische Probleme

Problematisch ist FIR zunächst mal, weil es nicht immer funktioniert. Manche Screenreader verstehen ihre Aufgabe nämlich so, dass sie das vorlesen sollen, was auf dem Bildschirm erscheint. Was im Stylesheet als "nicht sichtbar" definiert ist, bleibt dem sehenden Nutzer verborgen. Es muss also nicht vorgelesen werden.

Ist es falsch, wenn ein Screenreader so vorgeht? Darüber kann man streiten. Fest steht aber, dass die kunstvoll aus dem Bild beförderten Texte nicht vorgelesen werden und die per FIR gestaltete Seite für Besucher mit der "falschen" Screenreader-Version leer bleibt. Der Webauftritt von Mehrkanal ist ein Beispiel dafür. Jaws 5.0 liest die Navigation vor, andere Screenreader übergehen nicht sichtbare Elemente, die Seiten sind nicht benutzbar.

Technische Lösungen

Was kann man machen? Ein Vorschlag ist, die Texte nicht als unsichtbar zu definieren, sondern lieber aus dem sichtbaren Ausschnitt des Bildschirms herauszuschieben. Im Stylesheet wird ihnen eine negative Bildschirmposition zugewiesen, so dass sie sich auch auf dem größten Bildschirm nicht störend bemerkbar machen können. Der Webauftritt von Einfach für Alle verwendet diese Variante des FIR. Er funktioniert mit den gängigen Screenreadern, denn auch Screenreader, die nur das vorlesen, was auf dem Bildschirm zu sehen ist, erkennen oder beachten anscheinend nicht, dass der Text aus dem sichtbaren Bildschirmausschnitt herausgeschoben worden ist.

Ist das eine akzeptable Lösung? Man weiß nicht, wie zukünftige Browser mit negativen Positionsangabe umgehen. Es würde ja durchaus Sinn machen, mit der Nullposition den zuerst sichtbaren Ausschnitt zu definieren und dem Besucher zu erlauben, den sichtbaren Ausschnitt von dort aus in allen Richtungen zu anderen, am Anfang nicht sichtbaren Elementen zu bewegen. Dann würde der technische Trick mit negativen Positionsangaben nicht mehr funktionieren und man müsste schnell die ganzen alten Seiten umbauen.

Aber gut: dazu muss es nicht kommen.

Nicht jeder ist blind.

Schwerer wiegt ein anderer Mangel der Fahrner-Technik. Sie kümmert sich nicht um Anforderungen sehbehinderter Besucher. Das sind zum Beispiel Besucher, die mit bestimmten Farben oder Farbkombinationen Probleme haben. Sie ändern Farben, wechseln zum Beispiel in den unter Windows mit der Tastenkombination Shift-Alt-Druck einschaltbaren (und auch wieder ausschaltbaren) Kontrastmodus.

Die Inhalte der Webseite sollten daher vor wechselndem Hintergrund erkennbar sein. Mit der Fahrner-Technik über den Hintergrund eingeblendete Grafiken erfüllen diese Anforderung nicht. Sie verschwinden bei Wechsel der Hintergrundfarbe. Und nicht zu vergessen: die Fahrner-Grafiken haben auch alle Nachteile der normalen Schriftgrafiken. Sie werden eingesetzt, damit alles genau so aussieht, wie der Designer es sich ausgedacht hat. Und das sind sie dann auch: nicht an Anforderungen des Besuchers anpassbar.

Muss Barrierefreiheit unsichtbar sein?

Früher waren Seiten, die auf Barrierefreiheit geachtet haben, oft unansehnlich. Seltsame Farben, keine Bilder, riesiger Text, alles hintereinander. Das muss nicht sein. Ausgangspunkt des FIR ist der Wunsch, Seiten für alle zugänglich zu machen, ohne dass man dem grafischen Design irgend welche Einschränkungen auferlegt. Die "normale" Seite soll so bleiben, wie sie ist, die freie Nutzung aller Gestaltungsmittel soll nicht durch Zwänge der Barrierefreiheit eingeschränkt werden.

Aber warum muss das eigentlich so sein? Warum darf denn niemand sehen, dass die Form der Aufgabe gefolgt ist, Seiten für alle zugänglich zu machen? Webdesigner lassen sich vielleicht von Barrierefreiheit überzeugen, indem man ihnen sagt, dass sie an ihren zauberhaften Schriftkreationen nichts ändern müssen. Aber es stimmt nicht.

Autor: Michael Zapp

Veröffentlicht am: 30.06.2004

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Quellen

  • Stopdesign - Using Background-Image to Replace Text:
    http://www.stopdesign.com/articles/replace_text

  • Digital Web Magazine - In Defense of Fahrner Image Replacement - Dave Shea:
    http://www.digital-web.com/articles/in_defense_of_fahrner_image_replacement/

  • A List Apart - Facts and Opinion About Fahrner Image Replacement - Joe Clark:

    Jedenfalls scheint es, dass, bis auf wenige Ausnahmen, kein Screenreader mit Fahrner Image Replacement zurecht kommen sollte. Auf den Umstand, dass das marktbeherrschende dieser Programme, Jaws, und das weniger verbreitete Produkt HAL, tatsächlich FIR verstehen, sollten wir uns auf Dauer nicht verlassen.

    Quelle: http://www.alistapart.com/articles/fir/

    Übersetzung: http://www.byteshift.de/alistapart/fir/

  • WebAim - An Accessible Method of Hiding HTML Content - Paul Bohman:

    Einige Browser reagieren wie gewünscht auf die erste Seite dieser Technik, die das Element über dem im Browser angezeigten Bildausschnitt platziert. Andere Browser beachten diese Methode nicht, deswegen die zweite Technik: das Element wird so klein gemacht, dass man es nicht mehr sehen kann. Beide Methoden sind erforderlich, um das unterschiedliche Verhalten verschiedener Browser abzudecken.

    Quelle: http://www.webaim.org/techniques/articles/hiddentext

  • Image Replacement-Techniken nicht zugänglich für Sehbehinderte - Jan Eric Hellbusch und Tomas Caspers:

    Diese Methode lässt aber vollkommen außer Acht, dass auch sehbehinderte Menschen Probleme mit grafisch gestaltetem Text haben können, wenn dieser sich nicht an die speziellen Bedürfnisse unterschiedlichster Formen der Sehbehinderung anpassen lässt.

    Quelle: http://www.einfach-fuer-alle.de/artikel/fir-nicht-barrierefrei/

  • webstandardsgroup - russ weakley:

    Mit HTML ausgezeichnete und über Stylesheets gestaltete Überschriften sind für das Web die beste Lösung. Denn sie sind unendlich flexibel, können an spezielle Geräte angepasst werden und sind für jedes mögliche Gerät zugänglich. Statt gegen die Einschränkungen des Web zu kämpfen sollten Designer diese Schranken lieber akzeptieren und in ihnen arbeiten. Es gibt eine Vielzahl von Beispielen für in den Schranken des Web erstellte, erstaunlich gute Webangebote.

    Quelle: http://www.mail-archive.com/wsg%40webstandardsgroup.org/msg02143.html

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